1. Bundesweites Treffen (Bericht)

Auf zum Streik am 8. März 2019!

Bericht zum ersten bundesweiten Vernetzungstreffen für den Streik 2019 am 10. und 11. November in Göttingen.

von Jana Asmus

Der Bus rollt am Sonntagabend des 11. Novembers vollbepackt wieder gut in Berlin ein. Mit ihm fröhliche, singende und schlafende Frauen*. Der Grund der Freude ist der Beschluss, dass es am 8. März 2019, dem Internationalen Frauen*tag, einen bundesweiten Streik in Deutschland geben wird. Nach dem Frauen*streik von 1994, rücken feministische Anliegen erneut in die Sphäre einer breiten Öffentlichkeit.

Bei dem Streik geht es neben der Lohnarbeit vor allem um die Sorgearbeit. Für manche von uns stellt Sorgearbeit unterbezahlte Lohnarbeit dar. Gerade Krankenpfleger*innen verdienen für ihre Arbeit, die auch das Retten von Menschenleben beinhaltet, viel zu wenig Geld. Im Schnitt sind das gerade einmal 1800 brutto im Monat. Krankenhäuser sind meistens unterbesetzt und das Pflegepersonal steht unter hohem Druck, angemessen für alle Patient*innen da sein zu können. Dagegen richtet sich Protest. In Berlin gab es in den letzten Jahren an der Charité bereits mehrere Streiks vom Charité Facility Management (CFM), der Vivantes Service GmbH und jetzt am Charité Physiotherapie- und Präventionszentrum (CPPZ). Auch das „Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus“ ist Ausdruck der aktuellen Pflegekrise.

Zur Sorgearbeit zählt auch das Wäsche Waschen, Einkaufen, Putzen, Sortieren und Planen im eigenen Haushalt, in der Wohngemeinschaft oder in der Notunterkunft. Manche von uns gehen diesen Tätigkeiten illegalisiert nach. Fakt ist, dass neben diesen Arbeiten auch die emotionale Arbeit gegenüber Kolleg*innen, Freund*innen, Partner*innen, Bekannten und (Wahl-)Familien am laufenden Band geleistet wird, ohne dass sie wertgeschätzt oder bezahlt wird. Ohne diese Fürsorge wären jedochmtliche Betriebe leer, könnten acht bis zehn Arbeitsstunden am Tag niemals umgesetzt werden. Der Streik ist auch eine Fortsetzung des globalen Widerstands, der sich unter anderem in Form der #Metoo -Bewegung gegen sexualisierte Gewalt, Herablassungen und Ausgrenzungen richtet. Die Abwertung von Frauen und queeren Personen bestimmen weltweit maßgeblich deren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Deswegen ist innerhalb von Deutschland und außerhalb die Festigung des Zusammenhalts von Frauen* und queeren Personen von enormer Bedeutung.

Bei dem Treffen in Göttingen wurde von einer Redaktionsgruppe ein bundesweiter Aufruf skizziert und im Großplenum mit Aktivist*innen aus Augsburg, München, Berlin und aus vielen weiteren Städten und Regionen abgestimmt. Uneinigkeit herrschte bei beim Titel des Aufrufs. So stehen weiterhin die Bezeichnungen Frauen*streik“, „Frauen* und Queers Streikund Feministischer Streikauf der Liste. In der Debatte um den Titel spiegelten sich intersektionale und klassenkämpferische Ansätze wider. Auf der einen Seite sollen die Lebenswelten von queeren Menschen nicht unsichtbar gemacht werden, die andere Seite argumentiert mit der Bezeichnung Frauen*dafür, möglichst viele prekär lebende und arbeitende Menschen für politische Anliegen und Aktionsformen zu begeistern. Denn genau diese Aufgabe kristallisierte sich während des Wochenendes als zentral heraus: In den Monaten bis März müsse die Fokussierung auf der Mobilisierung liegen. Das heißt am Arbeitsplatz, an der Universität, an der Schule oder in der Straßenbahn Leute ansprechen und sie fragen, wofür sie streiken würden. Aber auch Hürden zu bedenken, die Menschen hindern könnten, am Streik teilzunehmen.

Die Podiumsdiskussion mit Aktivist*innen aus Thailand, London und Spanien gaben uns durch ihre Erfahrungen erste Lösungsansätze mit auf den Weg. Die jüdische US-amerikanische Feministin Selma James eröffnete ihren Redebeitrag bei dem internationalistischen Panel am Samstag mit dem Wunsch nach einem more colorfulStreik. Hier sind alle gefragt, in den jeweiligen Ortsgruppen Strukturen zu entwickeln, die möglichst viele Barrieren für Interessierte minimieren. Ein Austausch mit den Frauen* von 1994, die gestreikt haben, ist weiter denkbar oder auch Texte in einfacher Sprache zu verfassen. Aktivistin Julia berichtete, dass in Spanien durch eine starke Basis auch Gewerkschaften am Ende mitgezogen sind und durch den aufgebauten Druck zum Streik aufgerufen haben. In Deutschland ist es Gewerkschaften gesetzlich zwar untersagt, politische Streiks zu unterstützen, durch die verschiedenen existierenden Richter*innensprüche ist hier aber das Vorgehen für 2019 noch lange nicht festgeklopft. Die Großplena in Göttingen wurden jeweils durch Workshopphasen unterbrochen. Thematisch abgedeckt wurden hier Skills zu Social Media, die Vermittlung der gesetzlichen Grundlagen zum Thema Streik und die Rolle der Gewerkschaften. Gerade die inhaltlichen Diskussionen konnten zwischen unterschiedlichen Wissensständen motivierend vermitteln.

Neben den inhaltlichen Debatten ist die Organisation des Wochenendes dankend hervorzuheben. So gab es selbstorganisierte Busse, zweimal warmes Essen und über 150 vermittelte Schlafplätze. Auch an diesem Engagement und an den 400 Anmeldungen zeigt sich, wie dringlich es ist, ein deutliches Zeichen gegen Ausbeutung zu setzen. Das Essen und die Kinderbetreuung übernahmen solidarische Männer. Leider spülten schon am Sonntag anstelle der motivierten Männer wieder andere Personen das Geschirr. Hier zeigt sich, wie weit Thematiken von ungleicher reproduktiver Arbeit, die der Streik angreifen wird, auch in linkeren Kontexten verankert sind.

Das erste bundesweite Vernetzungstreffen zum Streik 2019 in Göttingen brachte neue Fragen, aber auch viel Begeisterung, das eigene politische Handeln auf die Straße zu bringen und Veränderung wachsen zu sehen!